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Marmolada NordwandMarmolada, Punte Penia 3343 m
Nordwand

Die Marmolada trägt auch das Attribut "Königin der Dolomiten". Das liegt sicherlich nicht nur daran, dass ihre höchste Erhebung, der Punte Penia, mit 3343 m zugleich höchster Gipfel der Dolomiten ist, sondern dass sie mit ihren 800m hohen Wandabbrüchen im Süden einerseits und ihrer Fels- und Eisflanke im Norden (Foto links) andererseits eine atemberaubende Kulisse bietet. Wer allerdings den höchsten Punkt erreichen will, muss mindestens das Gehen eines Klettersteiges beherrschen.

Fahne ItalienFür uns hingegen war die Nordflanke und dort wiederum die Nordwand, ein steiler Firn- und Felsaufbau im westlichen Teil dieser Flanke, Ziel unserer bergsportlichen Begierden. Laut Kletterführer hat diese Wand eine Neigung von 50 Grad und hätte so unserem derzeitigen Leistungsvermögen entsprochen. Die Tour wurde dann jedoch zu einer mächtigen Überraschung ...

Talort und Ausgangspunkt:
Canazei, Fedaiasee, letzter Parkplatz nach Überqueren der Staumauer;

Anforderungen:
Kletterlänge: 450m im kombinierten Gelände, Eis und Firn bis etwa 60 Grad, teilweise mehr,
Kletterzeit: Angabe lt. Führer 2,5 Std., wir haben mit allen Problemen 3 Std. 15 min - zu dritt und nur eine Seillänge gesichert - gebraucht.

Der Zustieg:
Vom Parkplatz auf hervorragend markiertem Weg zur Rifugio Pian dei Fiacconi (max. 1,5 Std.) und von dort nur wenig ansteigend über den Marmolada-Gletscher zum Einstieg direkt in der Falllinie der Wand. (ca. 30 min, wir haben fast eine Stunde gebraucht, da wir immer wieder im Harsch eingebrochen sind)

Auf- und Abstiegsroute/n der Marmolada Nordwand, Stand 2005Die Route: (Siehe Fotos lins)
Man steigt direkt in gerader Linie zunächst recht flach (45 Grad) in Richtung Felsriegel und sucht sich dort den besten Weg nach oben. Nach der Wand geht es über den verfirnten Gipfelgrat unschwer zum Gipfel.

Achtung Gefahr: Durch die Ausaperung ist die Felspassage deutlich steiler als die angegebenen 50 Grad. Wir schätzen sie auf 60 bis 65 Grad. Diese Auffassung wird auch in anderen Berichten im Internet vertreten. Zudem sind immer weniger Felsen mit Firn und Eis bedeckt. Die Wegfindung ist nicht einfach und die Passagen sind teilweise heikel. Mit der Tageserwärmung besteht akute Steinschlaggefahr. Die Felsen selbst sind brüchig und nicht sinnvoll zu klettern. Ein Einstieg in diese Tour ist daher nur bei ausreichender Firnlage und kühlen Witterungsverhältnissen zu empfehlen.

Der Abstieg erfolgt entweder über den Nordgrat und einer kurzen Kletterpassage (II, teilweise mit Drahtseilen versichert) über den Marmolada-Gletscher zurück zum Ausgangspunkt oder man steigt über einen nordwestlichen Firnrücken auf einen Absatz ab und quert in den unteren Teil der Nordwand zurück. (Siehe Foto links oben)

Unsere Bewertung:
Eine herausragende Marmolada Nordwand schneefreiMarmolada NordwandBergfahrt auf einen großartigen Gipfel. Sie hat mit einer Anfängertour allerdings nichts mehr zu tun, erfordert ein gutes Orientierungsvermögen und wegen der akuten Steinschlaggefahr und unter den Bedingungen, die wir vorgefunden haben, Nerven wie Stricke. Wir raten von einer Begehung ab, wenn nicht ausreichend Schneeauflage im Felsriegel vorhanden sein sollte.
Zusatz vom Oktober 2005: Diese klassische Firn- und Eiswand dürfte inzwischen eines der Opfer der Klimaerwärmung und damit des Eis- und Gletscherrückganges in den Alpen sein. Denn im Sommer 2005 sah sie so aus, wie nebenstehend fotografiert. (© Foto mit freundlicher Genehmigung von Alexander Ebner)

Literatur:
"Firn- und Eisklettern in den Ostalpen", Andreas Jentzsch, Axel Jentzsch-Rabl,  Alpinverlag, (www.alpinverlag.at)
ISBN 3-9500920-0-5;

Karte:
Tobacco Nr. 5, Marmolada, 1 : 25000 - vor Ort an jedem Kiosk erhältlich

Unser Team:
Steffen Große, Thomas Herrmann, Aldo Bergmann

Unsere Tour:

Um 4:15 Uhr des 4. Juni 2005 begannen wir, Thomas Herrmann, Steffen Große und Aldo Bergmann, unseren Aufstieg zu unserem Tourenziel dieses Tages, der Marmolada-Nordwand. Die Rifugio Pian dei Fiacconi war problemlos zu erreichen. Beeindruckend dabei immer wieder der Blick auf die mächtige Nordflanke der Marmolada (in der wir uns ja im Prinzip schon befanden) - Bild 1 -  und auf den Langkofel und die Sella-Gruppe mit dem Piz Boe im Norden - Bild 2.

Der Weg von der Rifugio zur eigentlichen Nordwand war wegen der ständig einbrechenden Harschdecke recht beschwerlich, aber pünktlich um 8 Uhr begann der Aufstieg durch diese gewaltige Wand. Auf Bild 3 befindet sich Thomas noch im recht flachen unteren Wandbereich (ca. 45 Grad), im Hintergrund ist aber schon recht deutlich zu erkennen, wie sich die Wand immer mehr aufstellt. Bilder 4, 5 und 6 machen recht deutlich, was uns dann erwartet hat:

Je näher man dem Felsriegel kam, umso steiler wurde es und die Wand erreichte eine unerwartete Neigung von 60 bis 65 Grad. Steffen hat die Steilheit mit einem Foto durch seine Beine eingefangen und ziemlich treffend festgehalten. Was man nicht sieht: Sicherungen waren kaum möglich, wir standen entweder knietief im Firn, da ist ohnehin nichts zu sichern, wenn man sauber steigt, oder aber die Eisauflage unter dem Firn war so dünn, dass man Eisschrauben nicht setzen konnte. Mit zunehmender Höhe war es immer schwerer, den besten Weg durch die Felsen zu finden. Es wurde verdammt "aufregend"!
Aber es ging. Es wurde jeweils im Team entschieden, was als nächstes zu tun sei, welche Firnrinne am idealsten erscheint. Dann aber doch eine Sackgasse. Der Weiterweg war durch eine Felsbarriere versperrt. Thomas zeigte hier seine Klasse, stieg sauber durch den bröckligen teilweise vereisten Fels und sicherte die restlichen Mitglieder der Seilschaft durch diese heikle Passage.  - Bild 7 -  Dann endlich, nach 3 Stunden und 15 Minuten Kletterzeit, der ersehnte Moment: Ausstieg auf den sicheren Gipfelgrat, und das mit einem berauschenden Tiefblick auf unseren Ausgangspunkt, dem Fedaiasee, lins neben Steffens Kopf. - Bild 8 -

Marmolada Nordwand Zustieg  Marmolada Nordwand Sellagruppe  Marmolada Nordwand Thomas Herrmann  Marmolada Nordwand Aldo Bergmann

Marmolada Nordwand oberer Teil  Marmolada Nordwand Blick nach unten  Marmolada Nordwand Felsriegel  Marmolada Nordwand Ausstieg

Dann allerdings geschah etwas Unvorhergesehenes. Noch auf den letzten Metern zum Gipfel setzte starker Schneefall und Sturm ein. So ist unser Gipfelfoto - Bild 9 - nicht etwa verschwommen, es ist Schnee, der das Bild trübt. Damit war klar: aus  der verdienten Gipfelrast wird nichts, wir mussten so schnell wie möglich wieder runter.  Doch es gab  ein unerwartetes weiteres Problem. Im Nebel war der Abstieg am Nordgrat nicht zu finden. Steffen turnte zwar "stundenlang" gesichert auf dem nur ca. 1 m breiten Grat herum - aber es ging absolut nichts. - Bild 10 -
Also ging es mühevoll wieder  aufwärts zur kleinen Schutzhütte im Gipfelbereich. Dort waren wir zwar geschützt, aber die Nerven lagen blank. - Bild 11 - Inzwischen waren wir über zwei Stunden im Gipfelbereich, im Idealfall wären wir schon wieder fast am Fedaiasee gewesen.

Marmolada Nordwand Gipfel  Marmolada Nordwand White Out  Marmolada Nordwand Schutzhütte  Marmolada Nordwand Abstieg

Die Pläne für einen Notabstieg über den gesicherten Westgrat sollten gerade in die Tat umgesetzt werden, als die Rettung mit Hilfe einer italienischen Seilschaft kam. Denn diese Bergsteiger waren wegen des plötzlichen schlechten Wetters tief unter uns der Nordwand ausgewichen und in die Abstiegsvariante (Siehe oben Topo) gequert, um wenigstens den Gipfel zu erreichen. Die Spur dieser Bergfreunde nutzten wir nun für den Abstieg. Mit einigen recht heiklen Blankeispassagen - Bild 12 (im Hintergrund ist die Nordwand recht gut zu erkennen) - erreichten wir zwar mühevoll, schließlich aber doch recht zügig das sichere Gelände. Um 18 Uhr, ca. 4 Stunden später als noch am Gipfel gedacht, standen wir wieder an unserem Auto.
Das war bis dato mit Sicherheit unsere schwerste und objektiv gefährlichste Bergfahrt.

© Die Aufnahmen dieser Seite stammen auch von Thomas Herrmann und Steffen Große

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