Jubiläum auf dem Rennsteig
Kurz vor dem Ziel treffe ich Christian, wir kennen uns flüchtig, entscheiden uns, gemeinsam ins Ziel zu laufen. Als wir auf die Ziellinie einbiegen und die Sensorik uns erfasst hat, erklingt mein Name aus den Lautsprechern, es wird angekündigt, dass ich das 45. Mal das Ziel des Supermarathons erreichen werde. Das Publikum jubelt, applaudiert, was für ein Zieleinlauf!
Vor der Ziellinie bleibt Christian aber kurz stehen, verbeugt sich leicht und weist mir mit einer Handbewegung den Vortritt, applaudiert mir - das war dann irgendwie zu viel!
Almuth hatte mich in den Tagen vor diesem 9. Mai 2026 immer wieder gefragt, ob ich aufgeregt sei, mich freuen würde, auf das, was da komme. Ehrlich gesagt war ich das aber nicht, das aktuelle "Drumherum" ist viel aufregender und letzten Endes würde es doch nur ein weiterer Rennsteiglauf-Supermarathon werden.
Selbst als ich am Vortag des Laufes meine Startnummer empfange und eine unübersehbare Zusatznummer "Traditionsläufer 45plus" in den Händen halte, protestiere ich! Nee, die mache ich nicht um.
Dann aber hängt sie, überredet, doch hinten am Laufrucksack, beginnt mit mir, gemeinsam starte ich wieder mit Mirko, die 45. Reise von Eisenach (früher von der Hohen Sonne) nach Schmiedefeld.
Nur schwer komme ich ins Rennen.
Aber mit Mirko und vielen Bekannten schwatzend komme ich dann doch recht gut voran, profitiere einmal mehr von Almuths lückenloser Zusatzversorgung. Ihren Support hat sie sich trotz meiner Bitte, sich doch selbst zu schonen, nicht nehmen lassen.
Mit Mirko sind wir lange, wenn auch hin und wieder mit Abstand, gemeinsam unterwegs, trennen uns dann aber kurz vor Oberhof. Während er sich von anfänglichen Problemen gut erholt hatte, hänge ich nun, wie eigentlich immer auf diesem Streckenabschnitt, so richtig durch!
Natürlich geht es nach einer kurzen Pause am Grenzadler Oberhof, km 55, weiter.
Weiter gehen auch die vielen Gespräche über die verräterische 45 auf meinem Rücken, ich treffe nahe dem Mordfleck auf den alleinigen König der Supermarathonstrecke, Wolfgang Nadler, er wird seinen 50. Supermarathon (im Vorjahr hatte er am Grenzadler verletzungsbedingt aufhören müssen, absolviert somit heuer seinen 51. Lauf) beenden. Ich schüttle ihm schon jetzt die Hand, finde nun einen guten Rhythmus und bin bald am Skihang über Schmiedefeld, höre in der Ferne die Lautsprecher aus dem Zielbereich - jetzt wird mir doch "komisch"!
Ca. 400 m vor dem Ziel laufe ich auf Christian auf.
Als wir das Ziel in Sicht haben, ist es doch anders! Es fühlt sich schöner an, es fällt eine gewaltige Last von mir, ich genieße es regelrecht, das große Ziel-R anzusteuern.
Dann erlebe ich den eingangs beschriebenen Zieleinlauf und bin durch!
Vor Freude heulend wie beim meinem ersten Rennsteiglauf 1981 überlaufe ich die Ziellinie, wir fallen uns mit Christian, er finisht seinen ersten Supermarathon, dann mit Almuth, sie supported mich das zehnte Mal, in die Arme!
Dann geht alles ganz schnell: plötzlich steht die Zielsprecherin neben mir, interviewt mich zum Jubiläum, fragt dann, wer auf mich warte und auf Almuth weisend, "meine Frau" sagend, bricht die Begeisterung aus. Ob denn da ein kleiner Rennsteigläufer im Anmarsch sei ... Almuth hebt ihr Shirt und ein großes Rennsteigsymbol, sonst auf Armen, Beinen oder im Gesicht aufgebracht, ziert den kugelrunden Babybauch! Plötzlich Kameras und, und, und ... was für ein Finale.
Noch nicht ganz: wir fallen uns mit Freunden und Bekannten in die Arme, stoßen mit Sekt an. Dann folgt der Eintrag ins 45-Teilnahmen-Ehrenbuch, verrückt, mein Namen im Kreise der Rennsteigkönige ...
Viel später, längst zu Hause, alles sackt langsam, kommt mir dann doch noch ein schmerzlicher Gedanke:
Ich habe Mirko vergessen! Er hatte seinen 10. langen Kanten hinter sich, das war im Trubel des Events bei mir einfach untergegangen.
Nun schreibe ich ihm, entschuldige mich und gratuliere, er bedankt sich und meint: "Ein bisschen stolz bin ich schon!"
Ja, man ist stolz, diesen harten Kanten geschafft zu haben, bei jedem einzelnen Lauf, bei den Jubiläen erst recht - und von denen wird es doch hoffentlich noch einige geben!

