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KoBoLT Start in KoblenzKoBoLT - Koblenz-Bonn Lauf/Trail
Mein Lauf vom 22. - 23. 11.2014

In den Weinbergen über Oberkassel, kurz vor Bonn, es waren nur noch wenige Kilometer bis ins Ziel, sprach mich unvermittelt ein junger Mann an, der auf einer Bank die warme Herbstsonne genoss. Er wollte wissen, was hier denn los sei.

Als ich ihm kurz erklärt hatte, dass wir den Koblenz-Bonn-Lauf/Trail „KoBoLT“ über 140 km laufen, meinte er:

„Ich will dir ja nicht zu nahe treten, aber warum zum Teufel machst du das?“
Ich habe mich auf meine Stöcke gestützt, nach vorn gebeugt und überlegt – ja, warum zum Teufel mache ich das!

Nach unserem großartige Jägersteinultra hatten wir mit Volker auch für 2014 einen gemeinsamen Jahresabschluss gesucht. Dabei war uns eben der KoBoLT aufgefallen, nicht nur wegen des witzigen Namens, sondern wegen der Herausforderung: es war der Jägersteinultra mal zwei! 140 km über den Rheinsteig durch den Westerwald und das Siebengebirge mit immerhin knapp 4700 Höhenmetern. Nur hatte Volker hier kein Losglück. Während ich einen der begehrten 35 Startplätze ergattern konnte, war er leider außen vor.

Ich hatte zunächst überlegt, auch abzusagen, da ich wegen meiner „Blindheit“ ziemlichen Respekt vor den Nachtpassagen hatte, aber wenn man schon einmal einen Startplatz hat …

Und so startete ich gemeinsam mit 29 weiteren Ultras (soviel übrigens zu den begehrten Startplätzen – fünf waren nicht angetreten/besetzt) um 11 Uhr des 22.11.2014 auf der Festung Ehrenbreitstein in Koblenz mit dem Ziel, innerhalb von 29 Stunden Bonn-Beuel zu erreichen. Bei nur vier Verpflegungsstellen hieß es zudem: immer klaren Kopf behalten, immer ausreichend Nahrung und Flüssigkeit dabei haben.

Das Rennen lief gut, die ersten 35 km waren kein Problem, auch wenn die Oberschenkel wegen des ständigen Bergauf und -ablaufens schon ordentlich brannten. Aber irgendwann kam die Nacht – und damit kamen meine Probleme! Während ich anfangs immer noch Gesellschaft hatte, war ich nun allein unterwegs. Mit meinem haargenau erarbeiteten GPS-Track (siehe unten) dürfte es kein Problem geben – dachte ich!

Aber schon bald, etwa nach 60 km, führte der Track genau über eine Kuhweide. Die Markierung des Rheinsteigs war auch nicht zu finden – also rüber! Der leichte Elektroschock vom Koppelzaun war ja noch hinnehmbar, aber der Matsch und die Kuhsch … Meine Füße waren nass und große braune Klumpen. Nach etwa 500m Strongmanfeeling endlich wieder fester Weg – und verdammt, keine Verpflegungsstelle! Die hätte nach meiner Rechnung hier sein müssen – die Lichter am Horizont waren nur der Kuhstall.
Im nächsten Ort dann entnervt Handy raus, Racedirector angerufen: es sei alles richtig, bleibe auf dem Track, der VP kommt nach dem Ort, meinte er.
Was ich nicht bemerkt hatte: beim Abnehmen des Laufrucksackes muss mir hier die Trinkflasche runtergefallen sein – jedenfalls sie war weg, ebenso, wie die vermeintliche Verpflegungsstelle hinter dem Ort. Jetzt wurde ich nervös. Wieder Berge, Wald, Schluchten – der nächste Ort! Am letzten Haus, es war etwa 22:30 Uhr, habe ich geklingelt und Hilfe erhalten – der Trinkrucksack war frisch gefüllt. Etwa 400 m später kam die Verpflegungsstelle!

  KoBoLT Sonnenaufgang in Bonn  KoBoLT Aldo Bergmann und Robert Judis  KoBoLT Ehrenbreitsten  KoBoLT Startaufstellung

KoBoLT Trail eben  KoBoLT Bäche sind kein Hindernis  KoBoLT VP1  KoBoLT Wegmarkierung

Nach der Pause dort lief ich auf Jenny und Rene Weinmann auf. Die beiden waren ohne GPS-Track unterwegs und hatten die entsprechenden Verhauer bereits hingelegt. Schnell hatten wir uns auf eine Symbiose geeinigt – sie haben die Augen, ich den Track. Deutlich entspannter ging es durch die Nacht und gegen 2:20 Uhr des 23.11.2014 näherten wir uns dem Erpeler Ley, der dritten Verpflegungsstelle nach ca. 90 km.

Im anstrengenden steilen Aufstieg kam uns hier eine „Stirnlampe“ entgegen. Ich war beeindruckt, dass man uns helfen würde, den Checkpoint zu finden – aber es war ein Läufer, der nach eben diesem Checkpoint in die falsche Richtung weiter gelaufen war. Er wollte uns das gar nicht glauben, meinte, wir wären falsch. Erst nachdem ich ihm auf der Karte gezeigt hatte, wo wir sind, stieg er knurrend mit uns wieder auf.

Mit Jenny und Rene war ich noch lange unterwegs, aber dann musste ich sie – sie waren später 1 Std. 15 min vor mir im Ziel – ziehen lassen, Schwäche und Müdigkeit überkamen mich, dazu bisher unbekannte Magenbeschwerden. Irgendwann und irgendwo stieß ich auf Constanze Escher, die ein Dreierteam begleitete und die mich mit einer Reiswaffel vor dem Bauchgrummeln rettete, irgendwann und irgendwo ging plötzlich die Sonne auf und ich hatte Tränen in den Augen vor Freude, dass endlich wieder Licht war, und irgendwann saß ich am letzten Verpflegungspunkt. (Zum Thema "Tränen wegen Licht": Hier wurde mir der zweite Teil des Refrains des Westerwaldliedes so richtig bewusst: Oh du schöner Westerwald, über deine Höhen pfeift der Wind so kalt! Jedoch der kleinste Sonnenschein dringt tief ins Herz hinein.)

Noch 25 km, und ich war eigentlich stehend k.o.! Vier Berge kämen noch, meinten die freundlichen Betreuer, der erste sei der Drachenfels. Der war mir schon vom Gipfel vorher aufgefallen und ich hatte gehofft, da nicht hoch zu müssen. Hoffen und Hoffnungslosigkeit lagen hier verdammt nah zusammen! Wer Ultras läuft weiß, dass es immer weiter geht. Der Kopf entscheidet! Also Drachenfels bestaunt, später irgendwann das ehemalige Gästehaus der Bundesregierung auf dem Petersberg, die Weinberge bei Bonn …

Ich richte mich auf und sage zu dem Mann: „Ich weiß es nicht, ich tu es einfach!“ Er lächelte und meinte: „Ja, vielleicht, wir sind alle irgendwo verrückt!“, wünscht mir Glück und ich trotte weiter.

  KoBoLT Edmundshütte  KoBoLT Erpeler Ley  KoBoLT Aldo Bergmann  KoBoLT Sonnenaufgang im Wetserwald

KoBoLT Drachenfels  KoBoLT Blick auf Bonn  KoBoLT Blick zurück zum Drachenfels  KoBoLT Weinberge

Diesen Mann gab es wirklich! Nein, nein, das schreibe ich nicht, weil es andere Teile dieser Geschichte nicht gab (im Gegenteil, ich muss Vieles weglassen, da das hier sonst viel zu lang wird), sondern weil jetzt eine Grenzerfahrung begann, die ich bisher nicht kannte: ich sah Leute und Dinge, die nicht da waren, ich begann zu halluzinieren. 

Ich hatte in der Fachliteratur darüber gelesen, erlebt hatte ich das so noch nie. Hier waren Müdigkeit, Erschöpfung und Flüssigkeitsmangel zusammen gekommen. (Ich hatte erst im Ziel gemerkt, dass ich in den letzten Stunden vergessen hatte, zu trinken.)
Höhepunkt war, als ich, endlich Bonn-Beuel erreicht, das Rheinufer vor mir sah. Ich konnte plötzlich sogar wieder rennen vor Freude – nur es war nicht der Rhein, es war eine Illusion, wie ich enttäuscht und entnervt feststellen musste.
Wenig später, gegen 14:35 Uhr, aber war es dann der echte Rhein – unter Freudentränen bin ich auf das Rheinufer zu. Ich hätte die Welt umarmen können!

Echt war auch Volker Dickmann, den ich auf der Rheinpromenade etwa einen Kilometer vor dem Ziel vor mir sah. Zügig rangetrabt, ein Klapps auf die Schulter und mit der Bemerkung: „Jetzt brenne ich dir auf den letzten Metern richtig eine drüber!“ so getan, als ob ich vorbeilaufen würde.
Von wegen! Auch er konnte wieder oder noch lachen und gemeinsam marschierten wir in aller Seelenruhe zum Ziel – die letzten Stufen zum Zielraum, Tür auf, Arme breit … FINISHED!

28 Stunden 2 Minuten war ich auf selbst gemessenen (Garmin Montana) 140 km mit ca. 4700 Hm unterwegs, mein bisher sowohl hinsichtlich Zeit als auch Strecke längster Lauf. Und wie ich beim Blick in die Statistik später feststellen musste: zufällig mein 50. Ultralauf, ein echt würdiges Jubiläum!

  KoBoLT kurz vor dem Ziel   KoBoLT Zieleinlauf   KoBoLT Zielgebäude   Zielraum

Ich denke manchmal an den unbekannten Mann auf der Bank.
Ja, warum tu ich das, warum tun wir das!
Da fallen mir die Worte von Kristina Tille ein, der Heldin vom Goldsteig Ultrarace, (@Constanze Escher: ich habe gesehen, wie weit du beim Goldsteig gekommen bist – 586 km in sieben Tagen – großartig!) die ich hier einfach mal zitieren möchte:
„Unter den Ultrläufern herrscht zu jeder Zeit Solidarität und Verbundenheit – niemals Konkurrenz. Wir genießen miteinander und leiden miteinander. Immer wieder sind wir beeindruckt von der Philosophie des Ultralaufens. Es streichelt die Seele und lässt uns vom Alltag gesunden! Es erdet uns.“
Vielleicht ist es das, vielleicht aber auch nicht! Der Antwort laufe ich hinterher!

Ein Nachsatz, der ein MUSS ist:
Volkers Losglück hatte Robert Judis vom Peitzer T-Rex-Team. Noch nie war er mehr als Marathon gelaufen, was ein Gebirgstrail ist, hat er in dieser Form vermutlich nicht einmal geahnt. Der KoBoLT war also sein erster Ultra(trail). Als er meinte, dass er gemessen an seiner Marathonzeit, 16 Stunden plane, musste ich lachen, habe ihm erklärt, warum und er meinte: 19 oder 20 müssten doch aber drin sein.
Es waren am Ende 21 Stunden 11 Minuten und damit Platz 2! Alle Achtung, gut geschätzt Robert, gut gemacht und Glückwunsch!

Und: Danke an das Organisationsteam um Michael, Andreas und Stefan für das tolle Event, Constanze für die Rettung mit der Reiswaffel und das  Zielfoto, meine Begleiterin für die "lebenserhaltenen" Maßnahmen danach - und an alle, die mir die Daumen gedrückt haben.

Mein Track, den ich für den Lauf vorbereitet hatte:

Strecke und Höhenmeter stimmen mit den tatsächlichen Messungen nicht überein. Mit meinen Garmin Montana habe ich 139,8 km und 4750 Höhenmeter registriert. Der Track kann zudem zumindest im Bereich Sayn nicht als Vorlage für künftige Läufe genommen werden, da es dort 2014 eine Umleitung wegen einer Jagd gegeben hat.

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